|
|
|||||||||
Einige korrespondierende Textstellen seien hier ausführlicher als in der
Studie selbst angeführt, insbesondere für weniger vorinformierte Leser.
Aus Goethes Osterspaziergang (Faust
I, V. 807/8ff.):
| » | V o r d e m T h o r . S p a z i e r g ä n g e r aller Art ziehen hinaus. |
« |
| [...] Bettler singt. Ihr guten Herrn, ihr schönen Frauen, So wohlgeputzt und backenroth, Belieb' es euch mich anzuschauen, Und steht und mildert meine Noth! Laßt hier mich nicht vergebens leyern! Nur der ist froh, der geben mag. Ein Tag den alle Menschen feyern, Er sey für mich ein Erntetag. Andrer Bürger. Nichts bessers weiß ich mir an Sonn- und Feyertagen, Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrey, Wenn hinten, weit, in der Türkey, Die Völker aufeinanderschlagen. |
Gleichartiges kehrt in Büchners Rondellszene (Danton's
Tod II[2]) - nichtsdestoweniger ungleich - wieder:
| » | Eine Promenade. Spaziergänger. |
|
| [...] Ein Bettler. (singt) Eine Handvoll
Erde und ein wenig Moos
|
Die (von mir rot markierten) Übereinstimmungen
begleitet der provokative Unterschied. An die Stelle des schlicht notleidenden
Bettlers tritt der wohlgenährt Argwohn erregende, der außerdem lieber Lumpen
trägt, als für den Rock zu arbeiten. Faust fand bei seinem Auftritt mit Wagner
im Fortgang der Szene den Zuspruch der Bauern, die ihm und seinem Vater für
quacksalberische Dank zu schulden meinten. Danton tritt ebenfalls im Fortgang
der Szene mit Camille Desmoulins auf, wird aber von keiner dritten Person angesprochen,
geschweige denn vom Volk begrüßt.
*
Der Schluß des Werther erschien zu Büchners Zeit in Goethes Vollständiger Ausgabe letzter Hand (1828), und auch schon im Erstdruck, mit einem Querstrich nach dem selbstmörderischen Schuß:
| » | Sie sind geladen Es schlägt zwölfe! So sey es denn!
Lotte! Lotte, lebe wohl! lebe wohl! Als der Medicus zu dem Unglücklichen kam, fand er ihn an der Erde ohne
Rettung, der Puls schlug, die Glieder waren alle gelähmt. Ueber dem rechten
Auge hatte er sich durch den Kopf geschossen, das Gehirn war
herausgetrieben. Man ließ ihm zum Ueberfluß eine Ader am Arme, das Blut lief,
er holte noch immer Athem. |
Gutzkows Erstdruck von Büchners "Lenz" lautet zum Schluß vor und nach dem Querstrich:
| » | Einen Augenblick darauf platzte etwas im Hof mit so starkem Schall, daß es
Oberlin unmöglich von dem Falle eines Menschen herkommen zu können schien. Die Kindsmagd
kam todtblaß und ganz zitternd. |
« |
Dem hörbaren Schuß Werthers entspricht Lenz' laut schallender Sturz.
An die Stelle des stundenlangen Todesröchelns und einiger Liebesbezeugungen
treten die kalte Resignation und scharfe Bewachung.
| Jakob Michael Reinhold Lenz (1751-1792) in einer anonymen Zeichnung um 1777 |
|
* * *
Faust und Margarete necken und küssen sich (V.
3204/5ff.):
| » | M a r g a r e t e springt herein, steckt sich hinter die Thür, hält die Fingerspitze an die Lippen, und guckt durch die Ritze. M a r g a r e t e Er kommt! F a u s t kommt. Treff' ich dich! |
« |
| Er küßt sie. M a r g a r e t e ihn fassend und den Kuß zurückgebend. Bester Mann! von Herzen lieb' ich dich! M e p h i s t o p h e l e s klopft an. |
Büchners Lena hingegen springt auf und geht fort (LL
II/4), statt den Kuß zu erwidern:
| » | L e o n c e. So laß mich Dein Todesengel seyn.
Laß meine Lippen sich gleich seinen Schwingen auf Deine Augen senken. (Er küßt sie.) Schöne Leiche, Du ruhst so lieblich auf dem
schwarzen Bahrtuch der Nacht, daß die Natur das Leben haßt und sich in den Tod verliebt.
|
« |
|
Leo Leonhard Leonce küßt Lena |
Fausts und Margaretes Spazieren im Garten parodiert Brecht mit Ui und Betty im Blumenladen (Der unaufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui, Szene 12):
| » | BETTY Man sagt, Herr Ui, Sie leben so spartanisch. UI Mein Abscheu vor Tabak und Sprit ist panisch. BETTY Vielleicht sind Sie ein Heiliger am End? UI Ich bin ein Mann, der keine Lüste kennt. Sie verschwinden. Auftauchen Givola und Dullfeet. DULLFEET 's wäre schön. Nur gibt's noch anderes daneben! Sie verschwinden. Auftauchen Uli und Betty. BETTY Herr Ui, wie halten Sie's mit der Religion? UI Ich bin ein Christ. Das muß genügen. BETTY Schon. Jedoch die zehn Gebot', woran wir hängen ... ? UI Solln sich nicht in den rauhen Alltag mengen! BETTY Verzeihen Sie, wenn ich Sie weiter plage: Wie steht's, Herr Ui, mit der sozialen Frage? |
« |
*
Margarete staunt über das Schmuckkästchen und
legt die Ohrringe vor dem Spiegel an (V. 2782ff.):
| » | Sie eröffnet den Schrein, ihre Kleider einzuräumen, und erblickt das Schmuckkästchen. Wie kommt das schöne Kästchen hier herein? Ich schloß doch ganz gewiß den Schrein. Es ist doch wunderbar! Was mag wohl drinne seyn? Vielleicht bracht's jemand als ein Pfand. Und meine Mutter lieh darauf. Da hängt ein Schlüsselchen am Band, Ich denke wohl ich mach es auf! Was ist das? Gott im Himmel! Schau, So was hab' ich mein' Tage nicht gesehn! Ein Schmuck! Mit dem könnt eine Edelfrau Am höchsten Feyertage gehn. Wie sollte mir die Kette stehn? Wem mag die Herrlichkeit gehören? (Sie putzt sich damit auf und tritt vor den Spiegel. Wenn nur die Ohrring' meine wären! Man sieht doch gleich ganz anders drein. Was hilft euch Schönheit, junges Blut? Das ist wohl alles schön und gut, Allein man läßt's auch alles seyn, Man lobt euch halb mit Erbarmen. Nach Golde drängt, Am Golde hängt Doch alles. Ach wir Armen! |
« |
| » |
|
« |
| M a r i e (bespiegelt
sich) Was die Steine glänzen! Was sind's für? Was hat er gesagt?
Schlaf Bub! Drück die Auge zu, fest, (das Kind versteckt die Augen hinter den Händen)
noch fester, bleib so, still oder er holt dich (singt) Mädel mach's Ladel zu S' kommt e Zigeunerbu Führt dich an deiner Hand Fort in's Zigeunerland (spiegelt sich wieder) S'ist gewiß Gold! Unsereins hat nur ein Eckchen in der Welt und ein Stückchen Spiegel und doch hab' ich einen so rothen Mund als die großen Madamen mit ihren Spiegeln von oben bis unten und ihren schönen Herrn, die ihnen die Händ' küssen; ich bin nur ein arm Weibsbild. (das Kind richtet sich auf) Still Bub, die Auge zu, das Schlafengelchen! wie's an der Wand läuft (sie blinkt mit dem Glas) die Auge zu, oder es sieht dir hinein, daß du blind wirst. (Woyzeck tritt herein, hinter sie. Sie fährt auf mit den Händen nach den Ohren) W o y z e c k. Was hast du? M a r i e. Nix. W o y z e c k. Unter deinen Fingern glänzt's ja. M a r i e. Ein Ohrringlein; hab's gefunden. W o y z e c k. Ich hab' so noch nix gefunden, Zwei auf einmal. M a r i e. Bin ich ein Mensch? W o y z e c k. S'ist gut, Marie. Was der Bub schläft. Greif' ihm unter's Aermchen, der Stuhl drückt ihn. Die hellen Tropfen steh'n ihm auf der Stirn; Alles Arbeit unter der Sonn, sogar Schweiß im Schlaf. Wir arme Leut! Das is wieder Geld Marie, die Löhnung und was von mein'm Hauptmann. |
*
Faust hat im Fortgang der Walpurgisnacht
plötzlich die schauerliche Vision der todblassen und gefesselten Margarete (V. 4183ff.):
| » | F
a u s t M
e p h i s t o p h e l e s F
a u s t M
e p h i s t o p h e l e s F
a u s t |
« |
Büchners Louis (Woyzeck) erscheint Margreth bleich
und mit dem roten Henkersmal am Hals:
| » | |
« |
|
Alfred Hrdlicka Woyzeck ersticht Marie, 1990 (*) |
* * *
[ Zurück zum Seitenanfang | zurück zur Startseite ]
(*) Das Bild von Leo Leonhard "Leonce küßt Lena" ist das Blatt Nr. 5 einer Serie dieses Künstlers über "Leonce und Lena". (Aus: Ein Haus für Georg Büchner. - Jonas Verlag, Marburg.) Das Bild "Woyzeck" von Alfred Hrdlicka aus dessen Büchner-Serie wurde der Homepage des Österreichischen Theatermuseums entnommen.
Werner Weiland 2001 - http://www.buechner-goethe.de