Anspielungen
Wie Büchner auf Goethe anspielt
 Georg Buechner (13KB)Johann Wolfgang Goethe (11KB)
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Einige korrespondierende Textstellen seien hier ausführlicher als in der Studie selbst angeführt, insbesondere für weniger vorinformierte Leser.
 

 

Aus Goethes Osterspaziergang (Faust I, V. 807/8ff.):

 » 
 
V o r   d e m   T h o r .

 
S p a z i e r g ä n g e r  aller  Art
ziehen hinaus.
«  
 
[...] 
 
                         Bettler singt.
Ihr guten Herrn, ihr schönen Frauen,
So wohlgeputzt und backenroth,
Belieb' es euch mich anzuschauen,
Und steht und mildert meine Noth!
Laßt hier mich nicht vergebens leyern!
Nur der ist froh, der geben mag.
Ein Tag den alle Menschen feyern,
Er sey für mich ein Erntetag.
 
                       Andrer Bürger.

Nichts bessers weiß ich mir an Sonn- und Feyertagen,
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrey,
Wenn hinten, weit, in der Türkey,
Die Völker aufeinanderschlagen.
 

 
Gleichartiges kehrt in Büchners Rondellszene (Danton's Tod  II[2]) - nichtsdestoweniger ungleich - wieder:
 

  »   
Eine Promenade.
 
Spaziergänger.
 

 « 

[...]

Ein Bettler. (singt)   Eine Handvoll Erde und ein wenig Moos
      Liebe Herren, schöne Damen!
1. Herr.  Kerl arbeite, du siehst ganz wohlgenährt aus. 
2. Herr.  Da! (er giebt ihm Geld.) er hat eine Hand
      wie Sammt. Das ist unverschämt.
Bettler.    Mein Herr wo habt Ihr Euren Rock her?
2. Herr.  Arbeit, Arbeit! du könntest den nemlichen
      haben, ich will dir Arbeit geben, komm zu mir, ich wohne...
Bettler.    Herr, warum habt ihr gearbeitet?
2. Herr.  Narr, um den Rock zu haben.
Bettler.    Ihr habt euch gequält um einen Genuß zu haben,
       denn so ein Rock ist ein Genuß, ein Lumpen thut's auch.
2. Herr.  Freilich, sonst geht's nicht.
Bettler.    Daß ich ein Narr wäre.   


 

Die (von mir rot markierten) Übereinstimmungen begleitet der provokative Unterschied. An die Stelle des schlicht notleidenden Bettlers tritt der wohlgenährt Argwohn erregende, der außerdem lieber Lumpen trägt, als für den Rock zu arbeiten. Faust fand bei seinem Auftritt mit Wagner im Fortgang der Szene den Zuspruch der Bauern, die ihm und seinem Vater für quacksalberische Dank zu schulden meinten. Danton tritt ebenfalls im Fortgang der Szene mit Camille Desmoulins auf, wird aber von keiner dritten Person angesprochen, geschweige denn vom Volk begrüßt.
 

*

Der Schluß des Werther erschien zu Büchners Zeit in Goethes Vollständiger Ausgabe letzter Hand (1828), und auch schon im Erstdruck, mit einem Querstrich nach dem selbstmörderischen Schuß:

  » 

Sie sind geladen — Es schlägt zwölfe!  So sey es denn! — Lotte!  Lotte, lebe wohl!  lebe wohl!
                                                      ————
    Ein Nachbar sah den Blick vom Pulver und hörte den Schuß fallen;  da aber alles stille blieb, achtete er nicht weiter drauf.
    Morgens um sechse tritt der Bediente herein mit dem Lichte.  Er findet seinen Herrn an der Erde, die Pistole und Blut.  Er ruft, er faßt ihn an; keine Antwort, er röchelte nur noch.  Er läuft nach den Aerzten, nach Alberten.  Lotte hört die Schelle ziehen, ein Zittern ergreift alle ihre Glieder. Sie weckt ihren Mann, sie stehen auf, der Bediente bringt heulend und stotternd die Nachricht, Lotte sinkt ohnmächtig vor Alberten nieder.

Als der Medicus zu dem Unglücklichen kam, fand er ihn an der Erde ohne Rettung, der Puls schlug, die Glieder waren alle gelähmt.  Ueber dem rechten Auge hatte er sich durch den Kopf geschossen, das Gehirn war herausgetrieben.  Man ließ ihm zum Ueberfluß eine Ader am Arme, das Blut lief, er holte noch immer Athem.
    Aus dem Blut auf der Lehne des Sessels konnte man schließen, er habe sitzend vor dem Schreibtische die That vollbracht, dann ist er herunter gesunken, hat sich convulsivisch um den Stuhl herum gewälzt.  Er lag gegen das Fenster entkräftet auf dem Rücken, war in völliger Kleidung, gestiefelt, im blauen Frack mit gelber Weste.
     Das Haus, die Nachbarschaft, die Stadt kam in Aufruhr.  Albert trat herein.  Werthern hatte man auf das Bette gelegt, die Stirn verbunden;  sein Gesicht schien wie eines Todten, er rührte kein Glied.  Die Lunge röchelte noch fürchterlich, bald schwach, bald stärker; man erwartete sein Ende.
    Von dem Weine hatte er nur ein Glas getrunken.  Emilia Galotti lag auf dem Pulte aufgeschlagen.
    Von Alberts Bestürzung, von Lottens Jammer läßt mich nichts sagen.
    Der alte Amtmann kam auf die Nachricht herein gesprengt, er küßte den Sterbenden unter den heißesten Thränen.  Seine ältesten Söhne kamen bald nach ihm zu Fuße, sie fielen neben dem Bette nieder im Ausdrucke des unbändigsten Schmerzens, küßten ihm die Hände und den Mund, und der ältste, den er immer am meisten geliebt, hing an seinen Lippen, bis er verschieden war und man den Knaben mit Gewalt wegriß.  Um zwölfe Mittags starb er.  Die Gegenwart des Amtmannes und seine Anstalten tuschten einen Auflauf.  Nachts gegen eilfe ließ er ihn an die Stätte begraben, die er sich erwählt hatte.  Der Alte folgte der Leiche und die Söhne, Albert vermocht's nicht.  Man fürchtete für Lottens Leben. Handwerker trugen ihn.  Kein Geistlicher hat ihn begleitet.
 

  «  

 

Gutzkows Erstdruck von Büchners "Lenz" lautet zum Schluß vor und nach dem Querstrich:

  » 

Einen Augenblick darauf platzte etwas im Hof mit so starkem Schall, daß es Oberlin unmöglich von dem Falle eines Menschen herkommen zu können schien. Die Kindsmagd kam todtblaß und ganz zitternd.
                                    _______
 
   Er saß mit kalter Resignation im Wagen, wie sie das Thal hervor nach Westen fuhren. Es war ihm einerlei, wohin man ihn führte; mehrmals wo der Wagen bei dem schlechten Wege in Gefahr gerieth, blieb er ganz ruhig sitzen; er war vollkommen gleichgültig. In diesem Zustand legte er den Weg durch's Gebirg zurück.  Gegen Abend waren sie im Rheinthale.  Sie entfernten sich allmählig vom Gebirg, das nun wie eine tiefblaue Krystallwelle sich in das Abendroth hob, und auf deren warmer Fluth die rothen Strahlen des Abend spielten;  über die Ebene hin am Flusse des Gebirges lag ein schimmerndes bläuliches Gespinnst.  So wurde finster, jemehr sie sich Straßburg näherten;  hoher Vollmond, alle fernen Gegenstände dunkel, nur der Berg neben bildete eine scharfe Linie, die Erde war wie ein goldner Pokal, über den schäumend die Goldwellen des Mondes liefen.  Lenz starrte ruhig hinaus, keine Ahnung, kein Drang;  nur wuchs eine dumpfe Angst in ihm, je mehr die Gegenstände sich in der Finsterniß verloren.  Sie mußten einkehren;  da machte er wieder mehrere Versuche, Hand an sich zu legen, war aber zu scharf bewacht.  Am folgenden Morgen bei trübem regnerischem Wetter traf er in Straßburg ein.  Er schien ganz vernünftig, sprach mit den Leuten;  er that Alles wie es die Andern thaten, es war aber eine entsetzliche Leere in ihm, er fühlte keine Angst mehr, kein Verlangen;  sein Dasein war ihm eine nothwendige Last.  - -  So lebte er hin.
 

  « 


Dem hörbaren Schuß Werthers entspricht Lenz' laut schallender Sturz. An die Stelle des stundenlangen Todesröchelns und einiger Liebesbezeugungen treten die kalte Resignation und scharfe Bewachung.
 

Jakob Michael Reinhold Lenz (1751-1792)
in einer anonymen Zeichnung um 1777

 

 

* * *

 
Faust und Margarete necken und küssen sich (V. 3204/5ff.):

 »  

 
E i n   G a r t e n h ä u s c h e n
_______

M a r g a r e t e   springt herein,  steckt sich hinter die Thür, hält die Fingerspitze an die Lippen,  und guckt durch die Ritze.

M a r g a r e t e 

Er kommt!

F a u s t  kommt.

Treff' ich dich!

 « 
Er küßt sie.
M a r g a r e t e
ihn fassend und den Kuß zurückgebend.
                      Bester Mann!  von Herzen lieb' ich dich!
M e p h i s t o p h e l e s  klopft an.
 
 

 
Büchners Lena hingegen springt auf und geht fort (LL II/4), statt den Kuß zu erwidern:

 »    

   L e o n c e.  So laß mich Dein Todesengel seyn. Laß meine Lippen sich gleich seinen Schwingen auf Deine Augen senken. (Er küßt sie.) Schöne Leiche, Du ruhst so lieblich auf dem schwarzen Bahrtuch der Nacht, daß die Natur das Leben haßt und sich in den Tod verliebt.
   L e n a.  Nein, laß mich. (Sie springt auf und entfernt sich rasch.)
   L e o n c e.  Zu viel! zu viel! Mein ganzes Seyn ist in dem einen Augenblick. Jetzt stirb. Mehr ist unmöglich. Wie frischathmend, schönheitglänzend ringt die Schöpfung sich aus dem Chaos mir entgegen. Die Erde ist eine Schaale von dunkelm Gold, wie schäumt das Licht in ihr und fluthet über ihren Rand und hellauf perlen daraus die Sterne. Meine Lippen saugen sich daran: dieser eine Tropfen Seligkeit macht mich zu einem köstlichen Gefäß. Hinab heiliger Becher! (Er will sich in den Fluß stürzen.)
 

 « 

 

 

Leo Leonhard

Leonce küßt Lena
Farbholzschnitt, 1995/6 (*)

 

 

Fausts und Margaretes Spazieren im Garten parodiert Brecht mit Ui und Betty im Blumenladen (Der unaufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui, Szene 12):

 »    
BETTY
   Man sagt, Herr Ui, Sie leben so spartanisch.
UI
   Mein Abscheu vor Tabak und Sprit ist panisch.
BETTY
   Vielleicht sind Sie ein Heiliger am End?
UI
   Ich bin ein Mann, der keine Lüste kennt.
   Sie verschwinden. Auftauchen Givola und Dullfeet.
DULLFEET
   's wäre schön. Nur gibt's noch anderes daneben!
   Sie verschwinden. Auftauchen Uli und Betty.
BETTY
   Herr Ui, wie halten Sie's mit der Religion?
UI
   Ich bin ein Christ. Das muß genügen.
BETTY
                                                                       Schon.
   Jedoch die zehn Gebot', woran wir hängen ... ?
UI
   Solln sich nicht in den rauhen Alltag mengen!
BETTY
   Verzeihen Sie, wenn ich Sie weiter plage:
   Wie steht's, Herr Ui, mit der sozialen Frage? 

 
 « 

 

*

 
Margarete staunt über das Schmuckkästchen und legt die Ohrringe vor dem Spiegel an (V. 2782ff.):

 »    
Sie eröffnet den Schrein,  ihre Kleider einzuräumen,  und erblickt
                               das Schmuckkästchen.
Wie kommt das schöne Kästchen hier herein?
Ich schloß doch ganz gewiß den Schrein.
Es ist doch wunderbar! Was mag wohl drinne seyn?
Vielleicht bracht's jemand als ein Pfand.
Und meine Mutter lieh darauf.
Da hängt ein Schlüsselchen am Band,
Ich denke wohl ich mach es auf!
Was ist das?  Gott im Himmel!  Schau,
So was hab' ich mein' Tage nicht gesehn!
Ein Schmuck!  Mit dem könnt eine Edelfrau
Am höchsten Feyertage gehn.
Wie sollte mir die Kette stehn?
Wem mag die Herrlichkeit gehören?
                (Sie putzt sich damit auf und tritt vor den Spiegel.
Wenn nur die Ohrring' meine wären!
Man sieht doch gleich ganz anders drein.
Was hilft euch Schönheit, junges Blut?
Das ist wohl alles schön und gut,
Allein man läßt's auch alles seyn,
Man lobt euch halb mit Erbarmen.
Nach Golde drängt,
Am Golde hängt
Doch alles.  Ach wir Armen!
 
 « 

 
"Woyzeck" (H4,4):

 »  


  M a r i e   s i t z t ,
i h r   K i n d   a u f   d e m   S c h o o ß ,
e i n   S t ü c k c h e n   S p i e g e l   i n   d e r   H a n d .
 

 « 
M a r i e  (bespiegelt sich)   Was die Steine glänzen! Was sind's für? Was hat er gesagt? — Schlaf Bub! Drück die Auge zu, fest, (das Kind versteckt die Augen hinter den Händen) noch fester, bleib so, still oder er holt dich (singt)
                         Mädel mach's Ladel zu
                         S' kommt e Zigeunerbu
                         Führt dich an deiner Hand
                         Fort in's Zigeunerland
(spiegelt sich wieder) S'ist gewiß Gold! Unsereins hat nur ein Eckchen in der Welt und ein Stückchen Spiegel und doch hab' ich einen so rothen Mund als die großen Madamen mit ihren Spiegeln von oben bis unten und ihren schönen Herrn, die ihnen die Händ' küssen; ich bin nur ein arm Weibsbild. — (das Kind richtet sich auf) Still Bub, die Auge zu, das Schlafengelchen! wie's an der Wand läuft (sie blinkt mit dem Glas) die Auge zu, oder es sieht dir hinein, daß du blind wirst.
                   (Woyzeck tritt herein, hinter sie.
               Sie fährt auf mit den Händen nach den Ohren)
W o y z e c k.  Was hast du?
M a r i e.  Nix.
W o y z e c k.   Unter deinen Fingern glänzt's ja.
M a r i e.   Ein Ohrringlein; hab's gefunden.
W o y z e c k.  Ich hab' so noch nix gefunden, Zwei auf einmal.
M a r i e.   Bin ich ein Mensch?
W o y z e c k.   S'ist gut, Marie. — Was der Bub schläft. Greif' ihm unter's Aermchen, der Stuhl drückt ihn. Die hellen Tropfen steh'n ihm auf der Stirn; Alles Arbeit unter der Sonn, sogar Schweiß im Schlaf. Wir arme Leut! Das is wieder Geld Marie, die Löhnung und was von mein'm Hauptmann.
 

 

 
Faust hat im Fortgang der Walpurgisnacht plötzlich die schauerliche Vision der todblassen und gefesselten Margarete (V. 4183ff.):

 »   

                                     F a u s t
                                        Mephisto, siehst du dort
Ein blasses, schönes Kind allein und ferne stehen?
Sie schiebt sich langsam nur vom Ort,
Sie scheint mit geschloss'nen Füßen zu gehen.
Ich muß bekennen, daß mir däucht,
Daß sie dem guten Gretchen gleicht.

                          M e p h i s t o p h e l e s
Laß das nur stehn! Dabei wird's niemand wohl,
Es ist ein Zauberbild, ist leblos, ein Idol.
Ihm zu begegnen ist nicht gut;
Vom starren Blick erstarrt des Menschen Blut,
Und er wird fast in Stein verkehrt,
Von der Meduse hast du ja gehört.

                                    F a u s t
Fürwahr es sind die Augen einer Todten,
Die eine liebende Hand nicht schloß.
Das ist die Brust, die Gretchen mir geboten,
Das ist der süße Leib, den ich genoß.

                          M e p h i s t o p h e l e s
Das ist die Zauberey, du leicht verführter Thor!
Denn jedem kommt sie wie sein Liebchen vor.

                                    F a u s t
Welch eine Wonne! welch eine Leiden!
Ich kann von diesem Blick nicht scheiden.
Wie sonderbar muß diesem schönen Hals
Ein einzig rothes Schnürchen schmücken,
Nicht breiter als ein Messerrücken!
 

 « 

 
Büchners Louis (Woyzeck) erscheint Margreth bleich und mit dem roten Henkersmal am Hals:

»  

 
Das Messer? Wo ist das Messer? Ich hab' es da gelassen. Es verräth mich! Näher, noch näher! Was ist das für ein Platz? Was höre ich? Es rührt sich was. Still. Da in der Nähe. Margreth? Ha Margreth! Still. Alles still! (Was bist du so bleich, Margreth? Was hast du eine rothe Schnur um den Hals? Bey wem hast du das Halsband verdient, mit deiner Sünde? Du warst schwarz davon, schwarz! Hab ich dich jezt gebleicht. Was hängen deine schwarzen Haare, so wild? Hast du die Zöpfe heut nicht geflochten?) Da liegt was! kalt, naß, stille. Weg von dem Platz, das Messer, das Messer, hab ich's? So! Leute - Dort. (er läuft weg).
 

 « 

 

 

 

Alfred Hrdlicka

Woyzeck ersticht Marie, 1990  (*)

 


* * *


 


(*)  Das Bild von Leo Leonhard "Leonce küßt Lena" ist das Blatt Nr. 5 einer Serie dieses Künstlers über "Leonce und Lena". (Aus: Ein Haus für Georg Büchner. - Jonas Verlag, Marburg.) Das Bild "Woyzeck" von Alfred Hrdlicka aus dessen Büchner-Serie wurde der Homepage des Österreichischen Theatermuseums entnommen.

Werner Weiland 2001 - http://www.buechner-goethe.de